Narro Kugelrund, ’s Kanzleramt isch it so g’sund
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Bewerberinnen und Bewerber jeder Art gab es im Bundestagswahlkampf zuletzt zu bestaunen. Große und kleine, dicke und dünne lächelten anbiederungsvoll vom Plakat. Ein ganz dicker blieb aber leider außen vor, obwohl er auch Kanzler könnte. Oder sogar König: unser Narro Kugelrund.
„Ja, worum soll i mi denn jetzt no älles kimmera?“ Der Narro Kugelrund blickt erbost in die, Achtung: Wortwitz, Runde. „Dia Rottweiler Fasnet isch jedes Johr au so scho a stressige G’schicht, do ka i it au no in dr großa Politik mitmische.“ Sagt es und zieht von dannen, mit dem Ziel Schedla, um bei Jaochim „Jombu“ Schedla ein Schorle weiß-sauer zu ordern. Oder zwei, oder drei.
Gut, dann ist es eben an uns von der Verklepferblättle-Redaktion, uns in die Rolle der scharf schlussfolgernden Analysten zu begeben und herauszufinden: Was würde ein Kanzler Narro Kugelrund eigentlich der Republik bringen? Und so dröseln wir mal auf:
Wie kein Zweiter wäre er zunächst einmal ein wahrer Kanzler der Mitte. Der rechte und der linke Rand würden von Landsknechten abgewehrt und im Zaum gehalten. Da bräuchte man nicht über Brandmauern zu reden. Es gäbe in all seinem Glanze nur den Kanzler Kugelrund, darüber hinaus allenfalls Beiwerk. Die richtigen Entscheidungen, die träfe der Narro einfach, Achtung: noch ein Wortwitz, aus dem Bauch heraus. Ohnehin macht sich der Kerle über Mehrheiten keine Sorgen: Angesichts der zu allem entschlossenen, weil durch das Staatsgetränk Schorle weitgehend entfesselten Landsknechte würde die Opposition im Deutschen Bundestag schon alsbald die Pläne ihres Oberen voller Überzeugung mittragen. Koalitionen? Braucht ein Narro Kugelrund folglich nicht. Gesegnet mit der Weisheit des Weißbieres würden selbstverständlich nur abgewogene Entscheidungen getroffen werden und förderliche Gesetze gemacht. Das Kanzleramt wär‘ wieder g’sund! Und die Bürgersleut‘ erst!
Also erwarteten wir von Kanzler Kugelrund zunächst, wie Politikerinnen und Politiker das landauf, landab gerne vorlegen, einen aus mehreren Punkten bestehenden Plan für das erste und jedes weitere Jahr seiner Kanzlerschaft. Ein Neun-Punkte-Plan könnte es im Falle des Narros aus Rottweil sein. Et voilà:
- Das Werfen von Orangen und leeren Worthülsen wird verboten. Und zwar sofortig und ohne Widerrede. Letzteres verkürzt die Reden im Bundestag auf die Kernpunkte und führt zu ganz neuer Effizienz, die den Blick auf das Wesentliche fokussiert. Wer mit weniger als fünf Minuten Redezeit auskommt, erhält mit viel Aufhebens ein Gutsle. Das gilt dem Narro Kugelrund als eine erste Maßnahme, zu guten Gesetzen zu kommen.
- Sodann widmete man sich unter einem Kanzler Kugelrund im Bundestag dem Modethema Migration: Natürlich blieben die Grenzen offen, das hat schon Tradition, und auf die hält ein Rottweiler viel. Auch auf eine gewisse Gastfreundschaft. Wenngleich es dabei bleibt, darauf setzen die Rottweiler schon lange, dass ein Narr eigentlich in seiner eigenen Stadt zu feiern hat. Und dort auch bleibt. Doch seien die allermeisten Neuankömmlinge, die es nach Deutschland zieht, anständige Leute, die man halt mit den Bräuchen und Gepflogenheiten unseres Landes vertraut machen müsse. Geduldig, im Zweifelsfalle. Nicht jeder sei zum guten und pflichtbewussten Narren geboren, da müsse man im Einzelfall nachhelfen. Deshalb ist davon auszugehen, dass Kanzler Kugelrund ein Brevier plant, das Gästen ausgehändigt wird, die beabsichtigen, länger als zum Beispiel zwei oder drei Tage im Land zu bleiben. In diesem Brevier sind Regeln zum Verhalten und zur Kleiderordnung festgehalten. Es ist Narro Kugelrunds Leitfaden der Integration, wie ihn bislang keiner seiner Vorgänger vorgelegt hat. Beobachter gehen davon aus, dass der oberste Obernarr den besonders Fleißigen eine Belohnung versprechen wird. So wird mit Bändel und Plakette ausgestattet, wer das Nasebohren in der Öffentlichkeit unterlässt und schwarze Schuhe mit hohem Schaft zu reinweißen Handschuhen trägt. Und wer dann noch „Hu-Hu-Hu“ sagen kann statt „Hü-Hü-Hü“ oder dergleichen, der bekommt ein Karle-Lembracht-Gedächtnislob am Bande.
- Als eine Unsitte erkannt hat der Narro Kugelrund, wie er gelegentlich verlauten ließ, das schranken- und gedankenlose Kommentieren in den einschlägigen Netzwerken wie Focebaak. Auch die Verbreitung von Fake News ist ihm ein Dorn im Auge. Die Meinungsfreiheit einzuschränken, soll er dem Vernehmen nach aber nicht im Sinne haben. Vielmehr glaubt er an geschlossene Räume, in denen das Palaver ohne schädliche Wirkung nach außen hin vonstattengehen kann. An das Aufleben des Stammtischs. Was an diesem gesprochen wurde, blieb meist an diesem und verpestete nicht die Umwelt. Daher setzt Narro Kugelrund, so erwarten wir Analysten, auf sogenannte Kommentatorenstuben, in denen, Narrenstuben gleich, Menschen in einer gewissen Abgeschiedenheit jeden Unsinn absondern können, der ihnen gerade durch das Hirn schießt. Stuben, allerdings, ohne Internetzugang. Was nicht nach außen dringt, kann eine Gesellschaft nicht anstacheln, nerven, korrumpieren, verunsichern.
- Als kein Grüner, so scheint es, wird sich Narro Kugelrund in Bezug auf die Umweltpolitik erweisen. So leugnet er den menschengemachten Klimawandel nicht, gilt jedoch als kritisch gegenüber Windkraft- und Solaranlagenausbau. „Wenn dia Windräder allerdings aufs Land kommet, beispielsweis nach Balinga, dann isch mir des egal“, soll er kürzlich erklärt haben. Somit wäre ein Ausbau der erneuerbaren Energien bei geschickter Standortwahl auch mit ihm zu machen.
- Große Sorgen macht unserem Obernarro, dem Vernehmen nach, der Ukraine-Krieg. Ein Rezept, wie dieser beendet, oder wie seine Ausbreitung auf den Rest Europas verhindert werden könnte, liegt nach Ansicht von Experten offenbar nicht vor. Eine kurzfristige Antwort könnte der Ausbau der vorhandenen Landsknechtstruppen sein, doch gelten diese als eine Nahkampf-Spezialeinheit, die neben ihren spitzen Lanzen und fiesen Fahnen über keinerlei Waffen verfügt. Außerdem könnte der Unterhalt der Truppe aufgrund großen Schorle- und Hefeweizenbedarfs ins Geld gehen. Bislang werden die Landsknechte nur temporär für meist zwei Tage im Jahr engagiert, was bereits Unsummen an Goldtalern verschlingt. Dies aufs ganze Jahr auszuweiten und die Zahl der Kämpfer noch zu steigern, könnte den Bundeshaushalt weit über Gebühr belasten.
- Mit einem Narro Kugelrund an der Spitze wird Deutschland sich nicht gerade hin zu einer demokratischen Monarchie entwickeln, glauben Experten. Einen König oder eine Königin wird es neben dem Kanzler Kugelrund nicht brauchen. Und dennoch glauben wir als Analysten, dass dem Narro ein gewisser Pomp, ein nicht geringer Glanz wichtig sein könnten. So erwarten Beobachter, dass er – ähnlich dem englischen Vorbild des House of Lords – ein „Haus der Wadelkappen“ einrichten könnte, in dem zustimmende und ablehnende Narrenrufe sowie Rösslesprünge in eine jeweilige Lobby über Gesetze entscheiden. Der Bundestag, so könnte es ganz im Sinn des Narros sein, würde zu einem Unterhaus, das von den vom Kanzler handverlesenen, also nicht etwa gewählten, Hochwohlgeborenen aus dem Oberhaus kontrolliert wird.
- Um den Fährnissen des Lebens standhalten zu können, wird Narro Kugelrund auf eine stärker als bisher abgehärtete Jugend setzen. Ganz im Sinne eines „Das hat uns früher nicht geschadet, das ist für euch auch nicht schlecht“ wird es aller Wahrscheinlichkeit nach ein Wirtschaftspflichtjahr für Schulabgänger geben. Ein Gastwirtschaftspflichtjahr, währenddessen von Dienstag bis einschließlich Sonntagabend eine Kneipe zu besuchen sei. Montag gilt als Ruhetag, den Wirten wie den jungen Leuten gleichermaßen. Finanziert werden soll das vom Staat. Ein solches Jahr härte ab und bereite aufs Leben vor, soll Narro Kugelrund verschiedentlich geäußert haben.
- Dass der Staat bei der Finanzierung all seiner Aufgaben längst an seine Grenzen gestoßen ist, ist allenthalben sichtbar. Die Schönen und Reichen und vor allem die ganz schön Reichen in die Pflicht zu nehmen, liegt nahe und wird von manch einer Partei vorgeschlagen. Als Mann der Mitte setzt Narro Kugelrund laut bisherigen Bekundungen aber nicht auf Zwang, allenfalls einen gewissen. So will er, einmal an der Macht, ein in Rottweil längst etabliertes Konzept umsetzen, das zwar dort nicht den Segen der närrischen Obrigkeit hat, aber gute Ergebnisse vorweisen kann. So werde von Berlin aus unter einem Kanzler Kugelrund künftig ein Bettelnarr zu den Reichen und obszön Reichen ausgesandt, um diese an ihre Verantwortung für die Gesellschaft zu erinnern – und um Gelder lockerzumachen. Und nicht nur Almosen, nicht nur Gutsle, nicht nur Schokoladentaler.
- Bei allem Glanz, den der Narro Kugelrund in die Hauptstadt bringen wird, bleibt aber auch klar: Dort oben wird ihn kaum einer verstehen. Wenngleich Berlin in weiten Teilen schon schwäbisch ist, befleißigt man sich in der Stadt der laktoseintoleranten Hipster einer geschliffenen Hochsprache. Das Alemannisch des Narros – Beispiel: „Graouße Ereignis hond sich zuetraga. Mir hond a neie Obrigkeit!“ – versteht dort und im überwiegenden Rest der Republik keiner. Klar: Er wird erst einmal ein Übersetzungsbüro brauchen.
Dieser Neun-Punkte-Plan wirkt manchem vielleicht als ein Befreiungsschlag, der das Potenzial hätte, glanzvolle Zeiten heraufzubeschwören. Doch, wie wir alle wissen, hat Narro Kugelrund nicht als Kanzler kandidiert, was wir mit einem „Oh jerom“ quittieren. Nun sitzen andere Narren in Berlin und bestimmen über das Schicksal der Nation, so gut sie das eben können. Der Narro Kugelrund, der aber bleibt unser Kanzler der Herzen.